Kälber, die nach der Geburt gleichgültig gegenüber Umweltreizen sind (zielloses Umherwandern oder regungsloses Stehen), keine Bindung an das Muttertier haben, das Euter scheinbar nicht finden können und das Saugen verweigern, auch wenn man nachhilft, sterben oder benötigen aus naheliegenden Gründen große Aufmerksamkeit des Tierhalters. Bei Fohlen wird seit Jahren erfolgreich die "Madigan-Squeeze-Technik" angewendet.

Foto: George Stilwell

 Physikalische Kompression des Brustkorbs hilft neugeborenen Fohlen mit neonatalem Fehlanpassungssyndrom. Die Kompression induziert einen Slow-Wave-Schlaf und Hormonveränderungen, ähnlich wie bei der Geburt, wenn ein neonataler Übergang von Neuroinhibition zu Neuroaktivierung stattfindet.

Diese Technik wird nun auch bei Kälbern angewendet. Kälber werden 20 Minuten lang der Madigan-Technik unterzogen. Ein weiches, ca. 3 cm starkes Baumwollseil wird um die Brust und den Bauch des Kalbes gelegt. Dann wird das Kalb gezwungen, sich hinzulegen, während die Schlinge um die Brust angezogen wird. Nach einem kurzen Ruck, der von einer Person am Kopf leicht kontrolliert werden kann, fallen die Kälber in einen Tiefschlaf, der sich durch geschlossene Augen, Bewegungslosigkeit, langsame Atmung und Bradykardie äußert. Geräusche, Wind oder die Anwesenheit von Menschen haben diese Kälber, die sich normalerweise nicht bewegen, während der gesamten 20 Minuten des Experiments offenbar nicht gestört. Dann werden die Kälber geweckt und das Seil entfernt. Nach ein paar Sekunden stehen sie auf und laufen zum Euter der Mutter. Sie verhalten sich dann wie ein normales neugeborenes Tier.

Die Madigan-Technik scheint bei schlecht adaptierten Kälbern von Vorteil zu sein, wenn es keinen offensichtlichen Grund (z.B. Trauma, Azidose, Krankheit) für die extreme Apathie  gibt. Sie kann eine Chance sein, die Kälbersterblichkeit und/oder den Bedarf an Nachsorge nach der Geburt zu reduzieren.

Bisher wurde die Technik bei Fohlen angewendet, für Kälber ist es ein völlig neuer Ansatz. Sie wurde von George Stilwell und mehreren Praktikern an Kälbern getestet.

Die Madigan-Technik könnte ein Weg sein, Kälber mit einem neonatalen Fehlanpassungssyndrom mit sehr geringem zeitlichem und finanziellem Aufwand zu retten. Wie das Seil für die Technik angelegt wird, wird hier beschrieben. Ein Erfolgserlebnis der Methode wird hier gezeigt.

 

Video von Martha d'Andrade & George Stilwell

 

Literatur: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00480169.2019.1670115

Des Weiteren wurde diese Innovation in verschiedenen Ländern demonstriert:

 

  • Auswirkungen:
    1. Tiergesundheit und Tierschutz: Diese Technik reduziert den Zeitaufwand, die Behandlungskosten und das normale Handling bei der Behandlung von Kälbern mit neonatalem Fehlanpassungssyndrom. Sie ermöglicht auch die Rettung von Kälbern, die nicht in der Lage wären, dem Muttertier zu folgen, und die (in der Herde) erst entdeckt werden würden, wenn sie stark geschwächt oder tot sind. Dennoch sollte diese Technik nur von einem Tierarzt durchgeführt werden, da ihr immer eine vollständige klinische Untersuchung vorausgehen sollte. Die Anwendung bei Tieren mit anderen Erkrankungen ist gefährlich, da sie eine angemessene Behandlung verzögert und zu Schmerzen, Läsionen, Traumata und Tod führen kann.
    2. Produktionseffizienz und Fleischqualität: Die Arbeitszeit sinkt, da die Pflege der betroffenen Kälber auf ein Minimum reduziert wird; keine zusätzliche Zeit für die Gabe von Kolostrum usw.

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